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Rede vor deutschen Regierungs- und Unternehmensvertretern und dem in Berlin ansässigen diplomatischen Corps anlässlich des Canada Day

Juni 2022

Meine fünf deutschen Jahre

Stéphane Dion
Botschafter von Kanada in Deutschland und Sondergesandter des Premierministers Justin Trudeau für die Europäische Union und Europa

Dear Friends of Canada,

Chers amis du Canada,

Liebe Freunde Kanadas,

nach zwei langen Jahren der Pandemie freue ich mich, Sie anlässlich des Canada Day persönlich zu empfangen!

Das ist für mich natürlich eine Freude, aber es ist auch mit Wehmut verbunden, denn es ist das letzte Mal, dass ich in Deutschland zum Canada Day einlade.

Nach fünf Jahren als Botschafter Kanadas in Deutschland und als Sonderbeauftragter des Premierministers für die EU und Europa hat mich Premierminister Trudeau gebeten, weiterhin als sein Sonderbeauftragter tätig zu sein, allerdings von Paris aus anstatt von Berlin. Aus diesem Grunde werde ich Deutschland nach fünf Jahren verlassen und habe die Ehre, im Herbst meine neue Aufgabe als Botschafter in Frankreich und Monaco zu übernehmen.

Ich freue mich darauf, meinem Land weiterhin in Europa zu dienen und dazu beizutragen, die vielen gemeinsamen Werte und Interessen der Kanadier und Europäer zu fördern. Ich nenne nur ein paar Beispiele: Frieden, Sicherheit, Gerechtigkeit, Demokratie, gesellschaftliche Inklusion, Handel zum Vorteil beider Seiten, Wohlstand und ökologische Nachhaltigkeit. Es freut mich besonders, dass ich die Gelegenheit haben werde, weiterhin mit Deutschland zusammenzuarbeiten, um unsere Welt zu verbessern.

Ich gehe gern nach Paris. Aber im Moment, das muss ich Ihnen gestehen, bin ich auch etwas traurig, Berlin zu verlassen. Ich werde jeden Tag, der mir in dieser Stadt und in diesem Land noch bleibt, genießen. Ich bin mir sicher, dass alle heute hier anwesenden Diplomatinnen und Diplomaten wissen, wie ich mich fühle. In fünf Jahren habe ich tatsächlich keinen Diplomaten getroffen, egal aus welchem Land, der in Berlin unglücklich war. Meiner Meinung nach gibt es einen solchen Menschen auch gar nicht!

Ab und zu werde ich gefragt, ob es für einen Kanadier schwierig ist, sich in Deutschland anzupassen. Ich kann Ihnen versichern, dass das nicht der Fall ist. Von den Bergen in Bayern über die vielfältigen und kulturell lebhaften Städte und Regionen bis hin zu den Stränden auf Rügen gibt es große Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Kanadiern. Das betrifft nicht nur die Werte, die Zivilität, die Liebe zur Natur und zum Draußensein. In beiden Ländern trifft man auch auf den gleichen föderativen Geist, man erlebt den unterschiedlichen Charakter der einzelnen Regionen, Bundesländer und Provinzen. In Kanada wie auch in Deutschland gibt es den Wunsch, das Staatsvermögen gut zu verteilen, anstatt alles in der Hauptstadt zu bündeln.

Natürlich, wenn ich genau hinschaue, kann ich doch zwei Anpassungsschwierigkeiten finden – aber gegen die kann man nichts machen. Erstens, die langen Winter in Berlin ohne Schnee und weit weg von den Bergen. Diese dunklen Winterabende ohne das glitzernde Weiß einer Schneedecke, wie ich sie aus Kanada kenne, das findet jemand wie ich, ein Junge aus Québec Stadt, etwas schwierig.

Zweitens – nicht wirklich überraschend – die Sprache. Ach, die Sprache! Ja, Mark Twain hatte Recht, als er sagte, dass die Ewigkeit dazu da ist, Deutsch zu lernen. Auf jeden Fall haben bei mir fünf Jahre harter Arbeit nicht gereicht. Außerdem unterbrechen einen die Deutschen jedes Mal, wenn man versucht, ihre Sprache zu üben, und drücken sich in ausgezeichnetem Englisch aus. Und wenn sie meinen französischen Akzent bemerken, fangen einige an, sich mit mir perfekt auf Französisch zu unterhalten. Aber glauben Sie mir, dass ich alles getan habe, um Ihre Sprache zu erlernen. Ich habe jede meiner Reden auf Deutsch als großartige Chance gesehen, Ihnen aufrichtig zu vermitteln, wie sehr ich und alle Kanadier Sie wertschätzen.

Als ich nach Berlin kam, waren die deutsch-kanadischen Beziehungen bereits ausgezeichnet, aber aus ganz unterschiedlichen Gründen sind sie seitdem noch besser geworden. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass der Übergang von der Obama-Regierung zur Trump-Regierung für Frau Merkel und ihre Regierung etwas kompliziert war. Das hat eine noch engere Zusammenarbeit mit Kanada unter Premierminister Trudeau gefördert.

Das Pariser Klimaabkommen war gerade ratifiziert worden, was eine engere Kooperation mit Kanada begünstigte, diesem Vorreiter für saubere Technologien und diesem Halbkontinent mit seinem Reichtum an wichtigen Ressourcen.

Der Brexit hatte gerade stattgefunden, die Rezession von 2008 erschütterte Europa noch immer und die große Migrationswelle von 2015 hatte noch erhebliche Auswirkungen. Kurzum, es gab viele ganz unterschiedliche Herausforderungen. Aber gleichzeitig hatten die Europäische Union und Kanada gerade ein strategisches Freihandelsabkommen geschlossen, eine Art Licht am Ende des Tunnels – CETA. Das Abkommen ist so vorteilhaft für unsere beiden Länder, dass ich zuversichtlich bin, dass Deutschland es bald ratifizieren wird.

In den letzten fünf Jahren haben Kanada und Deutschland die Instrumente der gegenseitigen Unterstützung noch erweitert. Wir haben eine deutsch-kanadische Energiepartnerschaft gegründet und einen Lenkungsausschuss für bilaterale Zusammenarbeit auf Ebene der Staatssekretäre. Wir haben den fünfzigsten Geburtstag der wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit gefeiert. Kanada war Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse, der mit Abstand größten Buchmesse der Welt, und das gleich zwei Jahre in Folge. Wir haben deutschlandweite Kulturfestivals erlebt, in deren Mittelpunkt Kanada stand. Und wir hatten einen regen Austausch zwischen führenden Politikern und Wirtschaftsvertretern, aber auch zwischen den Menschen unserer beiden Länder.

Das lässt uns von einer besseren Welt träumen, in der alle Länder eine so wertvolle, konstruktive und zuverlässige Freundschaft haben wie Deutschland und Kanada. Können wir uns so eine Welt vorstellen?

Ich glaube, Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass Kanada als das europäischste aller außereuropäischen Länder in den letzten fünf Jahren ein tatkräftiger Partner für Deutschland und Europa gewesen ist.

Wenn ich zu dieser Freundschaft beitragen konnte, dann weiß ich, dass ich meinem Team in unserer Botschaft und unseren Konsulaten viel zu verdanken habe. Die kanadischen Diplomaten, die nach Deutschland entsandt werden, sind wirklich die Crème de la Crème. Als Botschafter bin ich verwöhnt. Ich bin stolz darauf, was dieses Team, eine starke Kombination aus deutschem und kanadischem Personal, erreicht hat. Und das trotz aller Schwierigkeiten, die zwei Jahre Pandemie bisher mit sich brachten.

Außerdem möchte ich noch ein weiteres großartiges deutsch-kanadisches Team erwähnen: das Team der deutschen Botschaft in Ottawa unter der Leitung von Botschafterin Sabine Sparwasser, mit dem wir eng und erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Mit Blick auf die Zukunft sehen wir, dass Kanadas Präsenz in Europa sowie unsere gemeinsame Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und anderen Demokratien weiter gestärkt werden muss, insbesondere angesichts des schweren Schocks ausgelöst durch ungerechtfertigten Krieg von Präsident Putin gegen die Ukraine.

Wir müssen die Ukraine nachdrücklich unterstützen, Flüchtlinge aufnehmen, die ärmsten Menschen der Welt mit Lebensmitteln versorgen. Wir müssen sichere und erschwingliche, aber auch saubere Energiequellen finden, die mit unseren ehrgeizigen Klimaplänen im Einklang stehen. Wir müssen für eine digitale Zukunft in Schlüsseltechnologien investieren. Wir müssen die Inflation in Grenzen halten und den Kampf gegen COVID-19 und alle anderen Risiken für die öffentliche Gesundheit fortsetzen.

Darüber hinaus müssen wir die Demokratie und universelle Rechte fördern. Und gleichzeitig müssen wir den Multilateralismus bewahren, der es uns ermöglicht, mit anderen politischen Systemen zu koexistieren.

Kanadas Antwort auf all diese Ziele lautet: präsent sein - präsent in Deutschland, präsent in Europa, Schulter an Schulter in der Welt.

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie nun bitten, Ihr Glas zu erheben und mit mir anzustoßen. Long live Germany, lang lebe Europa, vive le Canada!

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